Dresden, das Florenz des Nordens: Kulturstadt Deutschlands und Europas

Die historische Stadt Dresden ist heute nicht nur Hauptstadt des Freistaates Sachsen, sondern weltweit als Zentrum für Kultur und Technologie bekannt. Seine Geschichte allerdings reicht über die erste urkundliche Erwähnung 1206 siedlungstechnisch bis in die Steinzeit zurück. Besonders die Altstadt verbindet architektonisch viele Epochen miteinander. Dies und die große Anzahl bedeutender Kunstschätze brachte Dresden nicht umsonst den Beinamen Elbflorenz ein, welcher geschichtlich auf den deutschen Dichter Johann Gottfried Herder zurückgehen soll. Er lobte vor allem Anfang des 19. Jahrhunderts die umfangreiche Sammlung an Kunst- und Kulturschätzen von Friedrich August I. von Sachsen bis hin zu dessen Sohn Friedrich August II.

(Stahlstich Dresden um 1850.)

 

(Kupferstich der Dresdener Stadtfestung um 1820.)

 

(Stahlstich der historischen Frauenkirche von Rouargue freres, 1860.)

 

Von einmaliger Symbolik für Dresden ist bis heute die barocke Frauenkirche. Der historische Grundbau erfolgte zwischen 1726 und 1743 nach Entwürfen des Baumeisters George Bähr. Doch in der Nacht vom 13. zum 14. Februar 1945 fiel sie dem kalkulierten Feuersturm des alliierten Luftterrors auf deutsche Städte und Kulturstätten zum Opfer. Erst zwischen 1994 und 2005 wurde sie wieder aufgebaut und steht seit dem als steinerne Mahnung für das beispiellose Kulturverbrechen an der Kulturstadt Dresden.

 

Die Frankfurter Paulskirche: Wiege deutscher Volksdemokratie

Als nationales Denkmal und Tagungsstätte der ersten demokratisch gewählten Volksvertretung in Deutschland trifft man in Frankfurt am Main auf die Paulskirche. Der ehemalige Kirchbau, der erst am 18. Mai 1948 nach seiner Zerstörung in Folge alliierten Luftterrors auf die Stadt Frankfurt als Haus der Deutschen wieder eröffnet wurde, gilt zu Recht neben dem Hambacher Schloss als Wiege der Volksdemokratie in Deutschland.

(Stahlstich von Lang/Vorl. Ventadour 1848.)

 

(Stahlstich von Jean Nicolas Ventadour: Das Innere der Paulskirche als Parlamentshaus, in: Jakob Fürchtegott Dielmann: Frankfurt am Main. Album der interessantesten und schönsten Ansichten alter und neuer Zeit. 2. Auflage. Verlag von Carl Jügel, Frankfurt am Main 1848.)

 

Errichtet wurde der klassizistische Rundbau zwischen 1789 und 1833 aufgrund von Entwürfen des Architekten Johann Friedrich Christian Hess. Seine lange Bauzeit ergab sich zum einen aus finanziellen Engpässen im Bauetat der Stadt Frankfurt und zum anderen aus den despotischen Folgen der napoleonischen Besatzungszeit, in deren Konsequenz die deutsch-nationale Bewegung als Befreiungsbewegung entstand, um die eigene Freiheit und Souveränität zu verwirklichen. Auf diesem historischen Fundament kam es 1848 zur Deutschen Revolution und zwischen 1848/49 zur Frankfurter Nationalversammlung, in der erstmals frei gewählte Volksvertreter als ein demokratisches Parlament auf deutschem Boden zusammenkamen. Auch wenn dieser erste Versuch zur Etablierung einer echten Demokratie im Reichsgebiet scheiterte, zeigt er doch deutlich, dass nur das Volk selbst Träger seiner eigenen politischen Willens- und Gestaltungskraft und somit auch eines jeden demokratischen Rechtsstaates sein kann.

 

Der Deutsche Reichstag

In Berlin links der Spree erhebt sich seit seiner Fertigstellung 1894 der Deutsche Reichstag als Stein gewordener Zeuge parlamentarischer Demokratie in Deutschland. Durch die turbulenten Zeiten des 20. Jahrhunderts veränderte das einstmals imposante Bauwerk der Neorenaissance sein Antlitz bis in die Gegenwart hinein vielfach. Kaum jemand, der diesen historischen Ort besucht, erkennt angesichts der profanen Glaskuppel heute noch seine ursprüngliche und repräsentative Ausstrahlungskraft.

(Stahlstich von Bormann, 1896.)

 

(Historischer Plenarsaal des Reichstagsgebäudes nach 1900.)

 

Seine Errichtung verdankt der Reichstag dem deutschen Architekten Johann Paul Wallot (1841-1912) und dauerte ganze zehn Jahre. Insgesamt beliefen sich die Baukosten auf 24 Millionen Mark. Von besonderer Herausforderung war die Realisierung der zentralen Kuppel des Baus, zu deren Realisierung erst Bauingenieur Hermann Zimmermann 1889 einen gewagten aber zugleich revolutionären Weg aufzeigte, indem er die Kuppel zugleich aus Stahl und Glas kombinierte und so das Gewicht enorm absenken konnte. Zusätzlich entfiel auf diese Weise Tageslicht als natürliche Illumination direkt in den Plenarsaal.

Seine bezeichnende Inschrift „Dem Deutschen Volke“ auf dem Architrav am Westportal erhielt der Reichstag 1916, wozu Beutegeschütze aus den Befreiungskriegen eingeschmolzen und verarbeitet wurden. Noch heute mahnt jener Schriftzug gewählte Parlamentarierer, wem sie einzig und allein für ihr politisches Handeln gegenüber verantwortlich sind.

 

Die Heilige Lanze

Kaum ein Herrschaftssymbol entfaltete in der nationalen Genese Deutschlands solch eine identitätsstiftende Wirkung, wie die Heilige Lanze (auch lancea sacra genannt). Mehr als 1000 Jahre lang garantierte sie als ältestes Macht- und Herrschaftssymbol Königen und Kaisern im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation ihren Anspruch sakramentaler Legitimation. Somit ist die Lanze nicht nur ältester Bestandteil der Reichsinsignien, sondern gehört wohl ebenfalls zu den berühmteste Reliquien der Christenheit. Heute kann man sie zusammen mit dem übrigen Reichsschatz in der Kaiserlichen Schatzkammer der Hofburg zu Wien besichtigen.

Kein anderer Gegenstand der kaiserlichen Machtinsignien ist derart mythologisch aufgeladen und inspirierte Herrscher und Volk zugleich so, wie die Heilige Lanze. Wer sie trug, galt als unbesiegbar und Stellvertreter Christi auf Erden. Sowohl ihre Herkunftserzählungen, als auch ihre reliquiaren Bestandteile machten aus dieser Lanze allgemein ein Gefäß tranzendenter Macht.

So erzählte man sich, dass die Langwaffe einst dem Heerführer der römisch-thebaischen Legion Mauritius gehörte. Eine andere Erzählung weist sie als die Waffe des römischen Hauptmannes Longinus aus, womit der Herztod Christi am Kreuze festgestellt worden sei. Beide Legenden bringen die Lanzenspitze mit dem heiligen Blut Jesu in Verbindung, wodurch sie allein schon eine göttliche Weihung erfahren habe. Für die Reliquienverehrung im Mittelalter spielte die Berührung mit sakralen Gegenständen und Personen zur Heilübertragung und -Speicherung eine zentrale Rolle. Neben den vielen Heiligen und Märtyrern konnte es allerdings nichts wirkmächtigeres geben, als Artefakte des Heilands selbst.

Die später abgeblich eingearbeiteten Nagelpartikel der Kreuzigung summierten die innewohnende göttliche Macht der Lanze in den Augen der Gläubigen nur noch mehr. Auffallend ist die goldene Manschette mittig der Lanzenspitze. Unter ihr befindet sich eine weitere silberne Manschette. Beide tragen lateinische Inschriften und halten die beiden zerbrochenen Lanzenfragmente zusammen.  Während seiner kaiserlichen Herrschaft ließ Heinrich IV. foldenden Schriftzug auf der selbernen Manschette aufbringen: „CLAVVS DOMINI + HEINRICVS D(EI) GR(ATI)A TERCIVS ROMANO(RUM) IMPERATOR AVG(USTUS) HOC ARGENTUM IVSSIT FABRICARI AD CONFIRMATIONE(M) CLAVI LANCEE SANCTI MAVRICII + SANCTVS MAVRICIVS“ (deutsche Übersetzung: „Nagel des Herrn + Heinrich von Gottes Gnaden der Dritte, erhabener Kaiser der Römer, befahl dieses Silberstück herzustellen zur Befestigung des Nagels der Heiligen Lanze des Mauricius + heiligen Mauricius“). Später ergänzte Karl IV. diesen ersten Schriftzug mit den Worten „LANCEA ET CLAVUS DOMINI” (deutsche Übersetzung: „Lanze und Nagel des Herrn“) auf der oberen goldenen Manschette.

Über die tatsächliche Herkunft der Heiligen Lanze ist heute nur wenig bekannt. Untersuchungen haben ergeben, dass sie frühestens im 8. Jahrhundert hergestellt worden sein kann, da sie dem Muster karolingischer Flügellanzen entspricht. Somit kann ein tatsächlich römischer Ursprung ausgeschlossen werden. In den Überlieferungen heißt es weiter, dass die Reliquie von der Heiligen Helena (auch Helena von Konstantinopel und Mutter Kaiser Konstantins) im gelobten Land entdeckt worden sei und ihren Weg anschließend über Konstantinopel nach Europa fand. 774 habe Papst Hadrian sie Karl dem Großen übergeben.

Bis zum Hoftag zu Worms 926 befand sich die Lanze dann im Besitz Burgunds. Gegen eine großzügige Gebietsabtretung im südöstlichen Ostfrankenreich und der Stadt Basel durch Heinrich I. an den burgundischen König Rudolf II. wechselte die Reliquie schließlich ihren Besitzer. Zur mythologischen Aufladung der Lanze als Garant der Unbesiegbarkeit trugen in der Folge drei historische Schlachten bei. In der Schlacht bei Riade an der Unstrut 933 besiegte Heinrich I. die Ungarn, was allein der Anwesenheit der Heiligen Lanze auf dem Schlachtfeld zugeschrieben wurde. Zwei weitere Siege erfocht sein Nachfolger Otto I. 939 in der Schlacht bei Birten gegen interne Widersacher und 955 in der berühmten Schlacht auf dem Lechfeld bei Augsburg gegen die überlegenen Ungarn. Letzte Schlacht stellt bis in unsere Tage hinein eine tiefe Zäsur in der Geschichte Europas dar.

Seit jenen Siegen war der Glaube an die Unbesiegbarkeit des jeweiligen Trägers der Lanze fester Bestandteil ihrer Erzähltradition und Teil des Gründungsmythos des künftigen Heiligen Römischen Reiches bis ins Jahre 1806, was seinen Ausdruck in der Erhebung zur Reichsinsignie fand.

Zu erwähnen bleibt noch, dass sich die Lanze in all der Zeit mit Ausnahme des Kriegsendes 1945 ununterbrochen in deutschem Besitz befand. Erstmals 1424 übersendete König Sigismund sie zur „Ewigen Verwahrung“ und zum Schutz vor den Hussiten nach Nürnberg. Dort wurde sie schnell Teil des populären Reliquienkults und zog Pilger in großen Scharen zum alljährlichen Feiertag in die Stadt. Anzunehmen ist auch, dass Adolf Hitler die Lanze nach dem Wiederanschluss Österreichs deshalb wieder von Wien nach Nürnberg überführen ließ, von wo sie 1806 ein zweites Mal vor dem Zugriff Napoleon Bonapartes evakuiert worden war.

Die Heilige Lanze verkörpert in materieller Form – wie nur wenig andere Relikte älterer Reichsgeschichte – als Herrschaftsinsignie und Machtsymbol die Inkarnation des über 1000 Jahre herrschenden Reichs- und Einheitsgedanken der deutschen Völker. Nur durch diesen Vereinigungsgedanken fanden sie ihre erste nationalstaatliche Verfasstheit in der Reichsgründung von 1871 unter dem Eisernen Kanzler Otto von Bismarck im Spiegelsaal von Versailles und in der Mitte Europas.

 

Sagenhaftes Hermannsland

Ein Blick in unsere Vergangenheit zeigt, wie reich Ostwestfalen an mystischen Geschichten und Sagen ist. Mit geheimnisvollen Schlössern aus England oder der griechischen Antike können es OWL, wie auch viele andere Regionen Deutschlands sehr wohl aufnehmen. Wenn es hier auch nicht um ein Mit oder Gegen die alten Götter ging, so ist doch deutsche und europäische Geschichte geschrieben worden.

Unsere Vergangenheit wurde zu früheren Zeiten in Form von Geschichten, Märchen oder Sagen an die nächsten Generationen weitergegeben.  Wenn die Nächte am Lagerfeuer lang waren, oder später in Dorfgemeinschaften erzählte man sich von geheimnisvollen Wesen und verwunschenen Orten, welche manch kühner Held bezwungen hatten.

Die Rede war ebenso von Hungersnöten, vom Sterben zur Zeit der Pest, dem Schwedenkrieg, dem Franzosenkrieg, den Kreuzzügen und Rittern, wie von großen Schätzen und Reichtümern. Berichte vom Werden und Untergang wohlhabender Familien, aber auch von der einfachen Landbevölkerung machten ihre Runden.

Somit beinhaltet eine Sage stets einen wahren Kern und bezieht sich auf einen real existierenden Ort oder eine Gegend.

Einer der bekanntesten Sagen ist das Nibelungenlied. Sie handelt von Freundschaft, Kameradschaft, Liebe und Verrat. Füreinander einstehen, auch wenn man weiß das es den Tod bedeuten kann, ist eine der Lehren hieraus. Der unermessliche Reichtum, den der Drache Fafnir einst bewachte, und den Siegfried von Xanthen an sich nahm, brachte letztlich nur Verderben. Siegfried soll Fafnir  in der „Gnitaheide“ besiegt haben. Ist damit vielleicht Knetterheide gemeint, der kleine Ort bei Bad Salzufflen? Sind die Saurier-Fußspuren in Bad Essen zwischen Osnabrück und Minden gelegen etwa gar keine, sondern die von einem Drachen? – Die Thidreksaga behauptet, dass der Nibelungenschatz im „Hohlen Stein“ bei Kallenhardt versteckt sein soll und nicht etwa im Rhein versenkt liegt.

Einen gewaltigen Drachen gab es wohl auch am Desenberg bei Warburg. Nur mit einer List konnte er durch einen jungen Ritter besiegt werden. Als Lohn erhielt er die umliegenden Ländereien, heißt es.

Auch Karl der Große kam auf seien Feldzügen durch Ostwestfalen. Um seine Person ranken sich Erzählungen, wie etwa die einer Quelle bei Altenbeken, die aus dem Nichts hervorquoll, um das dürstenden Gelage zu stillen. Karl brachte jedenfalls das Christentum in unsere Gegend, wenn auch teils mit Feuer und Schwert.

Karls größter Widersacher Widukind hatte sich zwischen Gut und Böse zu entscheiden. Er wiedersagte dem Teufel und ließ sich taufen. Um diese Geschichte geht es in der Entstehunglegende der Externsteine bei Detmold.

Die Erzählung vom bösen Burgherren auf der Wewelsburg soll zeigen, dass sich Unrecht zu Lebzeiten nicht lohnt. Sein Mord an einem frommen Kaplan blieb nicht ungesühnt. Während der Burgherr unter geheimnisvollen Umständen ums Leben kam, fand der Kaplan seine ewige Ruhe auf dem Friedhof.

Auch spukte es auf dem Jöllenbecker Friedhof und im Schloß Holte.

Ungläubige Mägde und neugierige Schloßdamen sollten einen Denkzettel bekommen und nicht Zweifeln. – Glauben oder einfach etwas auf sich beruhen lassen? Das könnte die Moral aus diesen Geschichten sein.

Früher waren die Menschen sehr gläubig. Wurden ihnen doch mit jeder Predigt Schrecken und Folgen ihrer Sünden nahegebracht. Da Lesen und Schreiben noch nicht oder teils gar nicht verbreitet waren, gab es neben der Kirche jene Erzählungen (mündliche Traditionen).  Viele von ihnen sind sog. Rechts- oder Frevelsagen. Sie berichteten über richtiges und falsches Verhalten der Menschen oder gaben Lebenserfahrungen weiter und schlugen Lebensmodelle vor.

In der heutigen modernen Welt will immer alles genau untersucht und bewiesen werden. Siegfried wird mit Herman dem Cherusker gleichgesetzt, Thidrek mit Diedrich von Bern, einem Verbündetem Atillas. Unterschiedliche Erzählungen laufen auf Theoderich, den König der Ostgoten hinaus.

Filme und Bücher wie „Der Herr der Ringe“ können das Interesse solcher  Sagen und Geschichten widergewinnen.

Wenn die Abende lang werden, dann sollte man auch heute noch jene Geschichten an seine Kinder und Enkel weitergeben. Sie sind nach wie vor ein Wegweiser für Recht und Unrecht, für Freundschaft und den Zusammenhalt in der Gesellschaft.

(Fotos: 1./2. Externsteine, 3./4. Wewelsburg, 5./6. Burg Desenberg; © Alternativer Kulturkongress Deutschland e. V. 2017)

Literatur:

Schmidt-Vogt, Renate: Magisches Deutschland. Westfalen: Reisebegleiter zu geheimnisvollen Sagenplätzen, Einbeck 2009.

Hagemeier, Hubertus: Sagen & Legenden: Sagenhaftes aus dem Hochstift Paderborn, Erfurt 2011.

 

Die Kaiserpfalz in Paderborn: Bedeutende Stätte deutscher Geschichte

Zweifellos gehört die Kaiserpfalz in der Domstadt Paderborn zu den prägendsten Stätten deutscher und abendländischer Geschichte. Schon im Jahre 776 legte Karl der Große im Zuge der Sachsenkriege zur Christianisierung des östlichen Rheingebietes an den Paderquellen die sog. Karlsburg, eine Pfalz und eine erste Kirche an. Die Grundmauern dieses Sakralbaus finden sich noch heute innerhalb der archäologisch erschlossenen Katakomben unterhalb des benachbarten Domes. Paderborn besaß für den fränkischen Herrscher Karl jedoch nicht nur strategische Bedeutung, sondern wurde ebenfalls zum Schauplatz der ersten Reichsversammlung innerhalb sächsischen Gebietes. So fiel 799 hier auch die Entscheidung zwischen Papst Leo III. und Karl zur Kaiserkrönung im folgenden Jahr. Allein für die spätere Entstehung des Heiligen Römischen Reiches bedeutet jenes Ereignis eine zentrale und historische Weichenstellung.

Bei der erhaltenen Pfalz handelt es sich jedoch nicht um den ursprünglichen Bau Karls, dessen Grundmauern im Vorhof bestaunt werden können, sondern um die restaurierte ottonisch-salische Pfalz, welche im 11. und 12. Jh. auf König Heinrich II. und den Paderborner Bischof Meinwerk zurückzuführen ist.

Saal und Quellkeller zeugen noch heute von der geschichtlichen Bedeutung und Erhabenheit jenes Ortes, an dem die Zukunft Europas eine entscheidene Prägung erhielt.

 

(Fotos: Saal in der Kaiserpfalz und Quellkeller; © Alternativer Kulturkongress Deutschland e. V. 2017)

 

Historisches Kulturgut als kommerzielle Beute – das Jägermeisterlogo und die Sache mit einem Gründungsmythos

In der Nähe der Domstadt Paderborn liegt innerhalb eines Karsttals der lokalen Hochfläche das historische Kloster Gut Böddeken. Seit seiner Gründung im Jahre 836 durch den Archidiakon Meinolfus als ursprüngliches Frauenstift ist es nicht nur das älteste Kloster (Abtei Corvey ist zwar mit Gründund 815 älter, erlangte aber bald schon seine Unabhängigkeit von Paderborn.), sondern galt zur Mitte des letzten Jahrtausends zu den einflussreichsten Klöstern in Deutschland. Erst 1802 wurde das Kloster durch die Preußen aufgelöst. Heute beherbergt es ein Internat in abgeschiedener idyllischer Umgebung und befindet sich im Besitz der Adelsfamilie von Mallinckrodt [1].

Nach der Gründungslegende habe sich am Ort des heutigen Kolstergutes Meinolfus ein Hirsch mit einem leuchtenden Kreuz im Geweih gezeigt. Jene Epiphanie (göttliche Erscheinung) veranlasste den Archidiakon schließlich auch dazu, an eben dieser Stelle ein Kloster zu gründen. All dies ereignete sich zur Zeit der Christianisierung nach den Sachsenkriegen unter Karl dem Großen.

Offenbar besitz jener relativ unbekannte Gründungsmythos von Böddeken eine gewisse Strahlkraft, wonach sich der weltweit bekannte Kräuterlikörhersteller Jägermeister selbst des mythologischen Hirschbildes als eigenes Firmenlogo bediente. Kritisch wurde es allerdings, als der AfD-Politiker Andreas Wild (ehemals AfD-Fraktion in Berlin) ebenfalls einen Hirsch mit abgewandeltem Kreuz im Geweih als Hintergrundbild auf seinem Twitter-Account verwandte. Die Berliner Zeitung berichtete bald, dass der Likörhersteller Jägermeister ernsthaft rechtlich Markenrechtsverletzungen durch Wild überprüfen lasse [2].

Ein anderer Fall: Am 20.04.2017 (fast zeitgleich) titelte die Hamburger Morgenpost „David gegen Goliath“ und schilderte den Fall des André Wilkens aus Hamburg. Dieser vertreibt in seinem Online-Shop Wildspezialitäten und Spirituosen. „In seinem Logo verwendet er neben Motiven wie Hase, Reh oder Wildschwein auch einen stilisierten Hirsch.“ Auch das passt dem Konzern offensichtlich nicht. Man erwägt rechtliche Schritte und will jede artverwandte Nutzung des Motivs unterbinden [3].

Woher aber kommt das Logo eigentlich?

Es geht, wie oben bereits erwähnt, auf eine alte Sage zurück, die im folgenden zitiert wird:
„Als einst Hubert an einem Karfreitag mit seinem lauten Troß zur Jagt zog, warnte ihn seine Gattin und flehte ihn dringend an, den ersten Todestag des Herrn nicht zu entweihen. Er schien von der liebvollen Warnung seiner frommen Gattin gerührt, dennoch siegte die Jagdlust. Mit seinem zahlreichen Gefolge sprengte er durch den Wald und Busch, durch Wiesen und Gründe und verfolgte einen prächtigen Hirschen. Als er demselben nahe kam und schon den Bolzen nach dem Tiere abdrücken wollte, bleibt dasselbe plötzlich stehen, wendet sich nach dem Jäger, und mitten in seinem Geweih erscheint ein strahlendes Kreuz. Eine Stimme ertönt: ‘Hubertus, ich erlöse dich und dennoch verfolgst du mich!’ Hubertus erbebte, warf sein Geschoß von sich und flehte innig zu Gott um Erbarmen. Daraufhin baut er sich eine Hütte aus Baumzweigen und Schilf und führte, von der Welt geschieden, in stiller Wald- einsamkeit ein bußfertiges, abgetötetes Leben.” [4]

Eine viel ältere Version der Legende findet sich jedoch im Gründungsmythos des Klostergut Böddekens bei Büren im Kreis Paderborn. Dieses wurde 836 durch den Paderborner Archidiakon Meinolf als ältestes Kloster des Hochstifts gegründet. Der Legende zufolge soll das Kloster im Bürener Wald nach einer Epiphanie (einer Erscheinung Gottes oder etwas Göttlichem) Meinolfs gegründet worden sein. Es heißt, ihm sei an dieser Stelle ein Hirsch mit einem leuchtenden Kreuz im Geweih erschienen. Diese Szene findet sich noch heute beim Tordurchlass wieder (siehe Bild).

Die entscheidende Frage ist also, wie das Unternehmen Jägermeister eine mehr als tausendjährige Erzähltradition zum alleinigen Eigentum erklären und anderen Menschen die Nutzung eigener kultureller Bildnisse untersagen kann oder darf – und dies, obwohl das historische Bildnis wesentlich älter sein dürfte als das Logodesign des Konzerns?

Wird Jägermeister jetzt etwa auch gegen das Adelsgeschlecht von Mallinckrodt, den heutigen Besitzer des Klosters, vorgehen?

(Foto: Meinolfus und der Hirsch als Wandgemälde am Haupttor zu Böddeken; © Alternativer Kulturkongress Deutschland e. V. 2017)

Quellen und Literatur:

[1] Wolfgang Feige: Das Bürener Land mit einem Stadtrundgang und drei Radwanderungen. Landschaftsführer des Westfälischen Heimatbunds, Bd. 16. Westfälischer Heimatbund und Heimatverein Büren (Hrsg.). Büren, 2008. S. 100.

[2] http://www.berliner-zeitung.de/berlin/hintergrundbild-bei-twitter-berliner-afd-politiker-wild-aergert-jaegermeister-26763982 (16.10.2017; 17:36)

[3] http://www.mopo.de/hamburg/david-gegen-goliath-jaegermeister-streitet-mit-hamburger-um-hirsch-logo-26737932 (16.10.2017; 17:36)

[4] Großes Hausbuch der Heiligen von Diethard H. Klein, S. 551 f.

 

Relikte im südlichen Osning

Alte Eisenbahn ist die Bezeichnung eines ehemals groß angelegten Tunnelprojekts der Köln-Minden-Thüringischen-Verbindungs-Eisenbahn-Gesellschaft (kurz KMTVEG) aus dem Jahre 1847. Nach dem Konkurs der KMTVEG konzipierte die Königlich-Westfälische Eisenbahn-Gesellschaft als Nachfolger die Bahnlinie Hamm-Warburg neu, in dessen Ausbau das Altenbekener Viadukt entstand. Heute liegt die ehemalige Insolvenzruine fast vergessen als Bodendenkmal zumeist unter Wasser im südlichen Osning zwischen Lichtenau und Willebadessen. Noch im Dezember 2016 fanden in den gewaltigen Felstrassen unterwasserarchäologische Untersuchungen des LWL statt. [1]

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(Fotos: © Alternativer Kulturkongress Deutschland e. V. 2017)

Quelle:

[1] http://www.westfalen-blatt.de/OWL/Lokales/Kreis-Hoexter/Willebadessen/2619861-Archaeologen-erforschen-gescheitertes-Grossprojekt-in-der-Egge-Wo-Taucher-nach-einer-Bahntrasse-suchen (23.10.2017; 18:52)