Erinnerungskultur

 

Augenhöhe statt Schuldkomplex: Ein Blick über den Tellerrand jüngerer deutscher Geschichte zum Verständnis der Gegenwart

Das kollektive Selbstverständnis eines Volkes nährt sich zum größten Teil aus seiner Vergangenheit, sprich seinen historisch-kollektiven Erinnerungen. Die dokumentierte Geschichte der Deutschen kann je Gewichtung und wissenschaftlicher Schwerpunktlage bei den Merowingern, den Karolingern oder Ottonen begonnen werden. Auffällig ist, dass unsere Geschichte, was die Zeitabläufe und Ereignisse aus der Zeit vor dem „Dritten Reich“ angeht, heute größtenteils unbekannt sind. Dies trifft auch auf die Präsenz der jüngeren Geschichte nach 1945 zu, die kaum so bekannt zu sein scheint, wie die furchtbaren Jahre der Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten oder des zweiten Weltkriegs als Ganzem. Durch einen solchen „historischen Tunnelblick“ verblassen zunehmend Epochen großer deutscher Zivilisations- und Kulturleistungen. Auf diese Weise geraten auch die großen Köpfe unserer Vergangenheit in Vergessenheit, welche wegweisende Leistungen und Ereignisse im Weltgeschehen mitbestimmt haben. Somit verliert das deutsche Volk historische Vorbilder für seine Jugend und Menschen, die zuwandern und wirklich Teil dieses Volkes werden wollen. Wichtige Kristallisationskerne einer positiven deutschen Selbstwahrnehmung gehen auf diese Weise verloren, welche allerdings als Grundbedingung zur eigenen Verantwortung aus der Tradition eines Volkes heraus für dessen Zukunftsgestaltung und – Erhaltung unabdingbar sind. Ohne diese historischen Vorbilder im kollektiven Gedächtnis entfallen ebenso alle Gründe, einen Stolz für das eigene Volk zu empfinden. Durch die Übergewichtung der Schreckenszeit der NS-Diktatur und der Verbrechen im und am Zweiten Weltkrieg innerhalb von nur 12 Jahren dominieren in der heutigen geschichtlichen Betrachtung jedoch die negativen Aspekte der historischen Eigenwahrnehmung und verdrängen die vielen positiven, welche zum Erbe einer mehrere tausendjährigen Entwicklung gehören. Darum herrscht derzeit allgemein im Innern und Äußeren eher ein allgemeines Schuld- und Minderwertigkeitsgefühl anstelle eines positiven Geschichtsbewusstseins, das sich bereits seit Jahrzehnten in den Populär- und Schulwissenschaften manifestierte und unhinterfragt tradiert.

Urgrund deutscher Negativwahrnehmung des geschichtlich Eigenen in der Gegenwart ist die Alleinschuldthese der Deutschen am Ausbruch des Zweiten Weltkrieges und der, während der NS-Zeit an Minderheiten und anderen Völkern von ihnen begangener Verbrechen. Ohne die Tragweite und Schwere dieser Taten und Vorgänge moralisch rechtfertigen, relativieren oder negieren zu dürfen, fehlt allerdings bis heute im deutschsprachigen Raum eine ausgewogene Betrachtung der Gesamtereignisse. Ein umfassender Blick über den eigenen Tellerrand wird deshalb notwendig, um die Voraussetzungen der letzten beiden Weltkriege als Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts begreifen, aufarbeiten und präventiv für die Gegenwart und Zukunft erschließen zu können. Jedem Ereignis geht jeweils eine historische Entwicklung voraus, wobei Abläufe stets ineinandergreifen und zusammen erst die Gesamtheit der Weltgeschichte bilden. Bisher bezieht sich die Auseinandersetzung und Aufarbeitung dieser Urkatastrophe fast ausschließlich auf den Aspekt der Schuld, was eine Selektion bestimmten Quellenmaterials zur Folge hat.

„Man kann Schuld auf sich laden, indem man Unrecht verursacht, auslöst oder tut.“ (Zitat: Generalmajor a. D. Gerd Schultze-Rhonhof am 18. Mai 2017)

So wird man heute so gut wie gar nichts in öffentlichen, medialen oder schulpädagogischen Darstellungen etwa über die Beziehungen der Polen oder Tschechen zu ihren Minderheiten oder Nachbarstaaten in der Zwischenkriegszeit finden. Die komplizierten Ursachen, die schließlich im Jahre 1939 zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs führten, werden an Schulen und höheren Bildungseinrichtungen stiefmütterlich vernachlässigt oder ausgeblendet. So entsteht ein einseitiges Geschichtsbild, das anstelle des Ursache-Auswirkungs-Prinzips nur das Schuldprinzip in den Fokus stellt. Gemäß der „Schuld“ an vergangenen Ereignissen im Sinne einer Gesamtschuld vernebelt sich auf diese Weise der Blick auf die jeweilige Teilschuld weiterer Protagonisten, wodurch aus einer deutschen Teilschuld infolge historischer Quellenauswahl, sprich Zensur, eine Alleinschuld am Ausbruch des letzten Weltkrieges wird.

„Weil die Teilschuld des Verursachens in Vergessenheit geraten ist, wird unsere Teilschuld zur Alleinschuld am Entstehen des Zweiten Weltkriegs.“ (Zitat: Generalmajor a. D. Gerd Schultze-Rhonhof am 18. Mai 2017)  

 

Entscheidend für ein Verständnis der Ursachen des Zweiten Weltkriegs sind die Verträge von Versailles, St. Germain und Trianon (Pariser Vorortverträge) als offizielle Friedensschlüsse nach Ende des Ersten Weltkrieges. In ihnen wurde eine Nachkriegsordnung beschlossen, die aufgrund des fehlenden Prinzips der Augenhöhe unter den kriegführenden Staaten als „Sieger und Besiegte“ und unter Mißachtung der völkerrechtlichen Prinzipien der Selbstbestimmung der Völker und der Unverletzbarkeit nationaler Territorien und Grenzen direkt in einen Folgekrieg führen musste. Wären die ehemaligen Kriegsparteien 1919 unter dem Motiv gegenseitiger Aussöhnung anstelle der Zuweisung von Schuld am Ausbruch des Krieges übereingekommen, hätte es keinen weiteren Weltkrieg gegeben!

Brüche der Versailler Nachkriegsordnung hat es in der Friedensphase zwischen beiden Weltenbränden von allen Parteien gegeben, was bereits Zeugnis davon gibt, wie unzureichend dieses „Friedensbestimmungen“ im Nachhinein doch gewesen sind. Als Fundament des Scheiterns tritt am Beispiel des „Vertrages“ von Versailles das Prinzip der Schuldzuweisung – und zwar der Alleinschuldzuweisung – in den Vordergrund, welches niemals Ausgangspunkt einer dauerhaften Friedenslösung unter souveränen und freien Völkern sein kann.

Von besonderer Bedeutung für die Pariser Vorortverträge ist, dass die alliierten Signatarmächte die 14 Punkte Wilsons, welche nach Vorverhandlungen als Grundkonsens für die Friedenverträge galten, ignorierten und die besiegten Kriegsparteien Deutschland, Österreich und Ungarn von vornherein von den Friedensverhandlungen ausschlossen. Man erzwang so ein Europa, indem ohne Volksabstimmungen und gegen den Willen der direkt betroffenen Menschen rund 7,8 Millionen deutschsprachige Österreicher und Deutsche fremden Staaten zugeschlagen wurden. Daneben untersagte man den Österreichern, den in ihrer demokratischen Verfassung beschlossenen Anschluss an Deutschland, welches inzwischen republikanisch geworden ist. Im Zusammenhang des Außerkraftsetzens des Selbstbestimmungsrechts der Völker durch die Sieger für viele Millionen Menschen, nicht nur im Deutschen Reich und Österreich, wurde bald statt vom Versailler Vertrag vom „Diktat von Versailles“ gesprochen. Selbst einige Vertreter der Siegermächte äußerten sich zu den Vergehen gegen das Völkerrecht durch die Sieger kritisch. Britanniens Premierminister David Lloyd George sagte bereits 1919 zu den Versailler Bestimmungen: „Ich kann kaum eine stärkere Ursache für einen künftigen Krieg erblicken.“ Fast prophetisch bemerkte Frankreichs General Marschall Ferdinand Foch: „Das ist kein Friede, sondern ein Waffenstillstand für 20 Jahre.“ – Recht sollte er behalten!

Auf Grundlage der Missachtung und Verletzung des Völkerrechts infolge der Friedensschlüsse auch durch weitere Protagonisten in Europa in gleicher Tradition keimten letztendlich die Ursachen, die die Völker der Welt in einen noch verheerenderen Weltenbrand stürzen sollten.

 

Entscheidend für die Gegenwart aus dieser historischen Rückschau bleibt, dass Friede unter den Völkern nicht auf Schuldzuweisungen, sondern einzig auf Augenhöhe unter diesen geschlossen und erhalten wird. Allein dies kann Ausgangspunkt einer verantwortungsvollen Außen- und Sicherheitspolitik sein, welche auf den Prinzipien des Völkerrechts fußt und Freiheit, als auch Fortbestand dieser historisch gewachsenen Entitäten als zwingende Voraussetzung für Demokratie garantiert.

Essentiell dazu ist eine gesunde Selbstwahrnehmung, die sich nicht nur einseitig aus den negativ zu bewertenden Zeiträumen der eigenen Geschichte speist, sondern ebenso aus den reicheren positiven Errungenschaften und kulturellem Erbe. Denn sie liefern die positiven Vorbilder und schaffen ein kollektives Bewusstsein und Verantwortungsgefühl für die Gegenwart und den Fortbestand in der Zukunft.

Gerät die historisch-wissenschaftliche Erinnerung und Selbstreflexion allerdings in eine interessendevote Schieflage, werden Spielräume für kulturnihilistische Ideologien geschaffen, welche mit der Tradition des Bestehenden brechen und das gemeinsame historische Kulturerbe überwinden – ja auslöschen – wollen. Bereits heute ist der Einfluss jenes postkommunistischen Wahns in Politik und Gesellschaft spürbar. Bestes Beispiel sind die Forderungen nach Globalisierung und Multikulturalismus als drückender Nachlass der 68er-Phantasien.

 

Nicht Selbsthass, sondern einzig die Liebe zum Eigenen bildet das Fundament einer sicheren, freiheitlichen und lebenswerten Zukunft!